Montag, 6. Mai 2013

Hexenhaus

Als ich heute um die Ruine des "Hexenhauses" tief im
Wald schlich, fühlte ich mich ein wenig wie bei Hänsel
und Gretel.
Heute waren meine liebste Kollegin und ich mit unseren Fahrrädern in der Umgebung von Hankensbüttel unterwegs, um für eine Publikation, die in Kürze in unserem Verlag erscheinen wird, Fotos von historischen Spuren aus der Zeit des Mittelalters und des 30-jährigen Krieges (1618 - 1648) zu machen. Doch dann stießen wir tief im Wald auf Spuren aus der Neuzeit, und die waren noch viel spannender, aber auch ein bisschen unheimlich.
Zuerst entdeckten wir im Wald bei Repke inmitten eines Teppichs aus (leider noch nicht blühenden) Maiglöckchen ein altes, komplett mit Dachpappe verkleidetes, zweistöckiges Imkerhaus, das noch voll eingerichtet ist, aber den herumligenden Zeitungen und Notizen zufolge seit den 1990er Jahren nicht mehr genutzt wird. Die Haustür war geöffnet, offenbar hatten sich vor uns schon andere Neugierige dort umgeschaut. Der Imker wohnte hier den Sommer über bei seinen Bienenvölkern – ohne fließend Wasser, ohne elektrisches Licht und ohne Wasserklosett, dafür aber mit Plumpsklo etwas abseits vom Haus.
Noch tiefer im Wald und damit noch einsamer gelegen fanden wir das "Hexenhaus", von dem uns ein Bauer, den wir unterwegs am Feldrand getroffen hatten, erzählt hatte. Bis in die 1960er Jahre soll dort eine alte Frau ganz allein gehaust haben, ohne jeglichen Komfort. Nur der Postbote habe sich bis zum Haus getraut. Alle anderen hätten einen großen Bogen herum gemacht, denn die alte Frau habe jeden, der ihrem Haus zu nahe gekommen sei, mit der geladenen Flinte bedroht.
Wir wagten es nicht, die Ruine zu betreten, obwohl die Bausubstanz insgesamt gar keinen so schlechten Eindruck machte. Das große, zweistöckige Holzhaus war auf massiven Grundmauern errichtet worden. Auf dem verwilderten Grundstück entdeckten wir auch den Brunnen, aus dem sich die alte Frau mit Trinkwasser versorgt hatte. Er war so tief und dunkel, dass wir den Grund nicht sehen konnten.
Obwohl sie mir ein bisschen unheimlich sind, faszinieren mich solche alten, verlassenen Häuser. Sie beflügeln meine Phantasie ungemein. Anhand der Spuren, die die Bewohner in Form von Möbeln und anderen Einrichtungsgegenständen hinterlassen haben, anhand der Tapetenmuster und der verrosteten Werkzeuge und Haushaltswaren versuche die Zeit zu rekonstruieren, in der das jeweilige Haus bewohnt war. Als ich um das "Hexenhaus" herumschlich, drängten sich mir unwillkürlich viele Fragen auf: Wer oder was trieb die alte Frau in die Einsiedelei? Hatte sie keine Familie, keine Freunde? Woher kam sie? Was machte sie den ganzen Tag dort im Wald? Holz hacken, Blaubeeren pflücken? 

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