Dienstag, 20. August 2013

Kleiner Käfer und große Politik

Die NSA-Affäre zieht immer weitere Kreise. Heute wurde bekannt, dass die englische Zeitung The Guardian von NSA-Mitarbeitern zur Zerstörung ihres Snowden-Materials gedrängt worden ist. Wenn das stimmt, was der Chefredakteur erzählt, dürfte das die transatlantische Freundschaft auf eine harte Belastungsprobe stellen. Schon einmal haben sich die Amerikaner bei uns Europäern mächtig unbeliebt gemacht: Als sie 1877 einen Geheimagenten namens Leptinotarsa decemlineata bei uns einschleusten. Der Agent, der aus dem US-Bundesstaat Colorado kam und deshalb unter dem Decknamen Colorado Beetle operierte, hat in Europa mehr Schaden angerichtet als Cola, Fastfood, Facebook, Windows und alle anderen amerikanischen Importe zusammen. Da es damals noch keine Computer und Datenleitungen gab, die er ausspähen und anzapfen konnte, infizierte er das Grundnahrungsmittel Nummer 1 der Mitteleuropäer: die Kartoffel. Deshalb kam er alsbald den deutschen Namen Kartoffelkäfer verpasst.
Alles wäre halb so schlimm gewesen, hätte er als einsamer Agent allein sein Unwesen getrieben. Aber nein, er war so vermehrungsfreudig, dass er schon ein paar Jahre nach seiner Einreise nach Europa gemeinsam mit seinen Nachkommen den Kartoffelanbau so nachhaltig sabotieren konnte, dass es zu riesigen Enteausfällen kam. So wurden beispielsweise 1922 in der Gegend um Bordeaux 250 Quadratkilometer Kartoffelbestände vernichtet.
Das NS-Regime redete den Deutschen im Zweiten Weltkrieg ein, dass die Kartoffelkäfer von amerikanischen  Flugzeugen abgeworfen worden seien. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs vermehrten sich Kartoffelkäfer in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands so schnell und so stark, bis um 1950 fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Anbaufläche befallen war.
Die DDR-Führung nutzte die Plage zu propagandistischen Zwecken im Kalten Krieg, indem sie behauptete, dass eigens in den USA gezüchtete Käfer durch amerikanische Flugzeuge gezielt als biologische Waffe zur Sabotage der sozialistischen Landwirtschaft abgeworfen wurden. Ab 1950 wurde auf Plakaten und in zahlreichen Medienberichten eine Kampagne gegen die Amikäfer oder Colorado-Käfer gestartet, die Saboteure in amerikanischen Diensten genannt wurden.
Im Vergleich zur Kartoffelkäferplage ist die Invasion der NSA-Schnüffler also geradezu lächerlich. Allerdings sind die NSA-Geheimdienstler gegen die Schädlingsbekämpfungsmittel, die gegen den Kartoffelkäfer eingesetzt werden, immun. Man wird sich wohl also etwas Anderes einfallen lassen müssen.

Dieser kleine amerikanische Einwanderer, den ich heute auf einer "verirrten" Kartoffelpflanze am Rand eines Maisfelds bei Oerrel fotografierte, treibt in Europa schon seit 136 Jahren sein Unwesen. Aber keine Angst, er steht nicht in den Diensten
der NSA.

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