Freitag, 13. Juni 2014

An der langen Leine

Nachdem er zwei Jahre an der Wäscheleine entlang in der Waagerechten gewachsen ist, strebt der Wein nun nach Höherem.
Die bei uns im Innenhof gespannte Leine war eigentlich zum Trocknen von Wäsche gedacht. Einen Sommer lang erfüllte sie auch diesen Zweck. Im nächsten Sommer kam dann der Wein, der sich an der Hauswand hoch gehangelt hatte, angekrochen und schlang sich wie eine Liane um die Leine. Wie ließen ihn gewähren und beobachteten fasziniert, wie er immer weiter seine "Fühler" austreckte und die Wäscheleine als Rankhilfe missbrauchte. Zurückschneiden? Nein, das brächten wir nicht übers Herz. Stattdessen haben wir draußen auf dem Hof ein Trockengestell gebaut.
Im zweiten Sommer war der Wein an der langen Leine so weit in den Innenhof gekrochen, dass für Wäsche, die zum Trocknen aufgehängt wird, kaum noch Platz blieb. In diesem Sommer hat sich der Wein nun entschlossen, nicht weiter in der Waagerechten zu wachsen, sondern sich in die Höhe zu erheben. Damit er dabei nicht abstürzt, hat er sich an der Leine gut fixiert. Ich bin gespannt, wohin er jetzt strebt – wahrscheinlich in den Nussbaum, dessen Blätterdach sich wie ein grüner Schirm über den Innenhof spannt.

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