Donnerstag, 3. Dezember 2015

Eine gute Sache

Die Samenernte im eigenen Garten (hier Stangenbohnen) oder auf dem 
eigenen Feld sollte eine Selbstverständlichkeit sein, doch großen Saatgut-
konzernen ist das ein "Korn" im Auge. Brot für die Welt sieht den Verlust 
an biologischer Vielfalt als Ursache für Mangelernährung, weil vielerorts 
Mais und Weizen traditionelle Pflanzen wie Hirse verdrängt haben. Diese 
Pflanze bringt zwar weniger Ertrag, enthält aber viel mehr Nährstoffe und
ist für Klima und Böden oft viel besser geeignet, was den Aufwand für 
Düngung und Pflanzenschutz minimiert. 
Für mich ist es eher eine Liebhaberei, wenn ich jedes Jahr einige der schönsten Tomaten für die Samenernte abnehme. Eine kleine Sammlung ganz unterschiedlicher Sorten habe ich auf diese Weise zusammengetragen. Eines haben diese Tomaten gemeinsam: Ihre Früchte gibt es in keinem noch so gut sortierten Supermarkt zu kaufen. Überhaupt ist dank der vielen alten Sorten, die mit viel Enthusiasmus und Engagement gesammelt und wieder mit System vermehrt werden, eine größere Vielfalt auf die Gemüsebeete gezogen.
Dass diese Vielfalt, der Erhalt der alten regionalen Sorten in einem viel größeren Zusammenhang betrachtet, den Hunger in der Welt lindern kann, bringt die aktuelle Spendenkampagne "Satt ist nicht genug!" von Brot für die Welt in diesem Jahr ins Bewusstsein.
Mit dem örtlichen Gemeindebrief, den wir bekommen, obwohl wir keiner Kirche angehören, lag heute die kleine Broschüre dazu im Postkasten. Darin ist von dem Bauern Flavio Garra die Rede, dessen ausgemergelte Böden kaum noch Nahrhaftes produzierten. Eine von Brot für die Welt unterstützte Landwirtschaftsorganisation brachte den Kleinbauern dazu, wieder Quinoa anzubauen. So wie es einst seine Eltern gemacht hatten, bis sie für die Andenhirse keinen Markt mehr fanden. Die Rückkehr der tradionellen Pflanze, die mittlerweile weltweit geschätzt wird, auf seine Äcker sichert Flavio Garra heute wieder sein Auskommen.
Die Möglichkeit, eigenes Saatgut gewinnen zu können und damit unabhängig von den großen Saatgutkonzernen sein zu können, ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Durch den Aufbau von Saatgutbanken sei es in etlichen Regionen gelungen, Kleinbauern den freien Zugang zu regional bewährten Pflanzen zu sichern. Parallel dazu gibt es aber auch Bestrebungen, die Möglichkeit, Pflanzen und Saatgut zu gewinnen und weiterzugeben, ohne Lizenzen an Saatgutkonzerne zahlen zu müssen, drastisch einzuschränken. Dies hätte für die Kleinbauern verheerende Folgen. Dabei sind sie es doch, die in weiten Teilen der Erde mit den geringsten Mitteln den größten Beitrag zur Ernährung der Bevölkerung leisten.
Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin von Brot für die Welt, wird dazu zitiert: "Die internationale Agrarindustrie versucht seit längerem und zunehmend erfolgreich, den Saatgutmarkt zu kommerzialisieren. Im Moment steht Afrika dabei im Mittelpunkt. Die regionale Eigenzucht, eigene Saatgutbanken, der kostenlose Tausch oder
 die kostengünstige Weitergabe von Saatgut unter den Bauern und Bäuerinnen sind in Gefahr. Erlangen die Konzerne Macht über diesen Handel, wäre die Vielfalt der lokalen und regionalen Saaten bedroht. Hunger und Mangelernährung lassen sich so nicht bekämpfen." Weiter lesen wir: "Das Menschenrecht auf Nahrung, zutreffender Recht auf angemessene Ernährung genannt, ist am besten durch eigene Produktion zu verwirklichen. Hierfür müssen die Ressourcen frei verfügbar sein. Das heißt, neben dem Zugang zu Land und Wasser muss auch der freie Zugang zu Saatgut gegeben sein und darf nicht durch Gesetze und Regelungen im Sinne der Saatgutindustrie eingeschränkt werden. Brot für die Welt unterstützt deshalb das Leitmodell der Ernährungssouveränität, wie es die Kleinbauernorganisation La Via Campesina fordert: All diese Güter müssen denen gehören und denen zur Verfügung stehen, die auf dem Land und vom Land leben. Die bäuerlichen Saatgutsysteme müssen unterstützt werden und Saatgutgesetze, die sich gegen Bauern und Bäuerinnen richten, reformiert werden."
Egal, wie man zur Kirche und ihren Organisationen steht, so ist dieser politischen Forderung dennoch nichts hinzuzufügen, und es ist gut, wie klar hier Stellung bezogen wird. Hoffentlich hat die Kampagne von Brot für die Welt großen Erfolg. Schließlich geht es um Entwicklungshilfe im besten Sinn, da sie die Kleinbauern befähigt, ihre Situation selbstständig zu verbessern und sie nicht in neue Abhängigkeiten zu verstricken.

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