Dienstag, 22. September 2015

Steinreich und bettelarm zugleich

Wie mag sich bloß dieser Felsbrocken auf die Steinmauer verirrt haben?

Im örtlichen Buchhandel haben wir einen kiloschweren Bildband entdeckt, der den typisch småländischen Steinmauern gewidmet ist. Es gibt tausende davon, auf jeder Autofahrt, Radtour oder Wanderugn kommen wir an mindestens einem Dutzend von ihnen vorbei. Auch unser Grundstück ist an drei Seiten von einer solchen Steinmauer umgeben. 
Steinmauern sind hier also keine Seltenheit und doch etwas Besonderes, denn sie erzählen von dem Leben der Bauern, die einerseits bettelarmarm, andererseits steinreich waren, und das im wahrsten Sinn des Wortes. Småland war übersät mit Steinen, die in mühsamer Handarbeit von jedem Stück Land, das urbar gemacht werden sollte, abgesammelt werden mussten. Größere Steine wurden mit Eisenstangen aus der Erde gehebelt. Anstatt die abgesammelten Steine auf einen Haufen am Rand des Ackers zu werfen, so wie es in Deutschland üblich ist, schichteten die småländischen Bauern sie zu Mauern auf und friedeten damit ihr Weideland ein. Sie sparten sich auf diese Weise den Zaunbau.
Aber immer wieder kamen beim Pflügen weitere Steine hoch, und so wuchsen viele Mauern immer mehr in die Breite. Bei uns in der Nachbarschaft gibt es eine Mauer, die mehr als einen Meter dick ist.  
Viele der Bauern hatten die elende Plackerei irgendwann satt, zumal die Landwirtschaft auf den steinigen Böden nicht nur mühsam war, sondern auch kaum Geld einbrachte. Sie wanderten nach Amerika aus. Das damals dicht besiedelte Småland entleerte sich innerhalb weniger Jahre. Småland erlebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Auswanderungswelle, die mit der gegenwärtigen Massenflucht aus Syrien durchaus zu vergleichen ist. Auch die småländischen Bauern sahen für sich und ihre Familien keine Überlebenschancen mehr im eigenen Land.
Nach einigen Jahrzehnten waren die verlasseen Holzhäuser verfallen, geblieben sind aber die steinernen Fundamente und die Steinmauern. Man findet sie sogar mitten im Wald. Wo heute Bäume für den Möbelbau und die Papierindustrie wachsen, waren einst Weiden, auf denen Kühe grasten.
Die Steinmauern sind stumme Zeugen des kargen Lebens der Bauern und ihrer harten Arbeit.
Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass den Steinmauern ein dickes Buch gewidmet worden ist. 

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