Freitag, 15. November 2013

Fenster zum Hof

Freie Sicht in den Innenhof, aber wie lange noch?
Schon als Kind haben mich Häuser fasziniert, die ein grünes Kleid tragen, die nahezu komplett von Efeu oder wildem Wein umschlungen sind. Ich finde so eine lebende Haushülle einfach schön, viel schöner jedenfalls als schlichte, weiß oder grau verputzte Wände. So ein überwuchertes Haus wirkt irgendwie geheimnisvoll, fast wie ein Hexenhaus, und zugleich gut behütet. Außerdem spart man sich so das lästige Streichen. Zwar können besonders die Efeuranken auch Schaden anrichten, wenn sie sich in irgendwelche Ritzen zwängen, aber bei einem alten Haus ist das nicht so tragisch. Und so bestand eine unserer ersten Pflanzmaßnahmen, nachdem wir vor acht Jahren unseren Hof in Besitz genommen hatten, darin, dass wir an den Giebelseiten der Gebäude Efeu setzten. Der hangelt sich inzwischen schon an den Dachrinnen entlang – nur an der Nordseite nicht, denn dort hat ihn die Ziege gefrühstückt.
Wie komme ich gerade jetzt auf diese Geschichte? Nun, als ich heute Morgen in unserer kleinen Frühstücksküche aus dem Fenster zum Hof in den blauen Himmel blickte, kam ich zu der Erkenntnis, dass es durchaus eine gute Tat wäre, bei Gelegenheit mal wieder die Fenster zu putzen. Die tief stehende Herbstsonne, deren Strahlen fast waagerecht ins Haus einfallen, ist gnadenlos, was derlei hausfrauliche Defizite betrifft. Aber das schlechte Gewissen währte nur wenige Sekunden. Vielleicht ist Fenster putzen doch keine so gute Idee, sagte ich mir, denn egal, ob ich dabei Spüli oder Spiritus verwenden würde, beides wäre doch bestimmt Gift für den Efeu, der sich schon vowitzig vors Fenster schiebt und in die Küche linst. Was wäre, wenn der Efeu vor Schreck den Halt verliert und die schöne Ranke dann direkt vor dem Fenster schlapp nach unten hängt! Nein, diesen Anblick will ich mir ersparen. Vielleicht sollte ich das Ganze lieber als wissenschaftliche Versuchsanordnung betrachten?! Das Experiment würde sich über einen Zeitraum von ein bis drei Jahren erstrecken. Dann aber hätte ich ein greifbares Ergebnis und eine Antwort auf die Frage, welcher Fall eher eintritt: Dass ich nicht mehr aus dem Fenster gucken kann, weil es zu dreckig ist, oder dass ich nicht mehr aus dem Fenster gucken kann, weil es zugewachsen ist.

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